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gypsy goes jazz #61: Offering – John Coltrane, 1965-1967 (09.12.2017, 22:30)

Am 17. Juli 1967 verstarb John Coltrane, im Alter von nur vierzig Jahren. Mit ihm verstummte eine einzigartige musikalische Stimme, die den Jazz und die populäre Musik stark geprägt hat. Nachdem er im Dezember 1964 mit "A Love Supreme" eine neue Stufe erklommen hatte, die zugleich der Abschluss, die Perfektionierung einer bisherigen Werkphase war, begab sich Coltrane in der ersten Jahreshälfte von 1965 auf eine neue musikalische Suche. Die zahlreichen Studioaufnahmen und Live-Dokumente zeigen ihn bei langen, bohrenden Exkursionen, ausufernd, brennend intensiv, manchmal fast schon schmerzhaft in ihrem Insistieren, dem Ausloten noch des letzten dunklen Winkels.

Coltranes Musik hatte sich in den frühen Sechzigern dahin entwickelt, dass sie immer offener wurde, ihre Struktur immer reduzierter. Er näherte sich dadurch den jüngeren Musikern der New Yorker Avantgarde an, ihrem Free Jazz, ihrer Fire Music - für die er wiederum auch als Vorbild galt. Zur Jahresmitte 1965 entstand die gross besetzte Platte "Ascension", für die Coltrane sein Quartett um diverse weitere Bläser (und einen zweiten Bassisten) ergänzte, unter ihnen die Tenorsaxophonisten Archie Shepp und Pharoah Sanders. Beide nahmen bald auch eine ganze Reihe von Alben für das Label auf, das Coltrane mit seinen Alben gross gemacht hatte, Impulse! Records.

Coltrane brach sich mit "Ascension" endgültig eine Bahn in den freien Jazz, holte sich Sanders als festes Mitglied in seine Gruppe. Am Klavier und Schlagzeug lösten Coltranes zweite Ehefrau Alice Coltrane und Rashied Ali die bisherigen McCoy Tyner und Elvin Jones ab, Jimmy Garrison am Bass blieb bis zum Ende dabei. Mit Sanders entstand ein weiteres Album im Village Vanguard in New York und auch im Studio befeuerten sich der alte Meister und der - gar nicht so - junge Wilde gegenseitig. Coltrane experimentierte auch mit neuen Klängen, neben dem zweiten Bass holte er Perkussionisten zur Band, zog für Auftritte auch weitere Saxophonisten bei, spielte selbst auch einmal die Bassklarinette und bei einer seiner letzten Plattenaufnahmen auch die Querflöte.

Es ist schier unmöglich, aus den Aufnahmen eine repräsentative Auswahl zu treffen, zumal die Live-Stücke aus dieser Zeit gerne eine halbe oder auch eine ganze Stunde dauern konnten (legendär ist in dieser Hinsicht eine ausufernde Version von "My Favorite Things" von einem Auftritt in Japan, den Impulse! mitgeschnitten und veröffentlicht hat). Neben Coltrane hören wir auch einzelne Kostproben von Archie Shepp und Pharoah Sanders sowie von Albert Ayler, dem Saxophonisten aus Cleveland, der 1970 unter ungeklärten Umständen verstarb. Coltrane sei der Vater, Sanders Sohn und er selbst, so Ayler einmal, sei der Heilige Geist. Ein Stück dieses Namens - "The Father, the Son and the Holy Ghost" - findet sich auf einem der Alben Coltranes, das heute vorgestellt wird. Sanders war mit im Studio, und Aylers Geist schwebte möglicherweise über ihm, die beiden Musiker zusätzlich inspirierend bei ihren intensiven Auslotungen der Möglichkeiten - ja welcher Möglichkeiten denn? Denen des Instrumentes, denen des Klanges, denen der Musik überhaupt, denen des Seins?
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